Laub

Die sehr alte Nachbarin harkt langsamen Schrittes die letzten Blätter zusammen. Es geht immer schlechter, sagt sie, aber es müsse ja weg, neulich hätte sie vier Karren…und Herr Soundso, obwohl schon 86, komme manchmal zum Helfen.
Ich schaue sie an, ihre weissen Haare immer in Form gelegt, die Augenbrauen immer unauffällig exakt nachgezogen, die zierliche gebeugte Gestalt.
Der Kirschbaum hat noch so viele Blätter. Und auf dem Friedhof das Grab ist auch immer wieder voll, seufzt sie.
Ich erwähne den Nussbaum und dass da jetzt alles runter ist und ich in einem Rutsch wegharken kann. Sie sagt, ihren hätte ihr Mann noch gefällt, wie froh sie darüber sei, so viel und so schwer war das Laub.
Andererseits, sage ich nun doch, hat die Natur das ja so eingerichtet für den Nährstoffkreislauf, diese schützende Schicht, man könnte sie auch liegen lassen. Sie nickt sofort, gibt mir recht. Man hört so viel über ausbeuterische Landwirtschaft, sagt sie. Kurz werfen wir uns die Schlagworte zu, falsche Tierhaltung, Antibiotika, erodierende Böden…
Später fange ich unterm Nussbaum an zu harken. Unter dem regenschweren Laub beim Kompost kommen grosse Mengen Regenwürmer zutage, wie toll. Aber meine Programmierung lautet Laub weg, ich kann sie nicht stoppen, der Weg muss frei sein.

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