Ewige Jagd

Den neuerlichen Versorgungsengpass wegen Restriktionen der USA spüren auch wir Touristen, zum Beispiel im öffentlichen Nahverkehr. Es scheint, dass in Havanna wegen Benzinmangel noch weniger Busse als vor einem Jahr fahren. In der Innenstadt werden die Warteschlangen an den Busstopps unübersichtlich lang, ewiges Beine-in-den-Bauch-stehen, da – der Bus hält woanders, konfuses Gerenne, und hat man es endlich bis zur Bustür geschafft, bekommt man eine Ahnung davon, wie es sein muss, zerquetscht zu werden.
Die Buspläne selbst sind weiterhin chaotisch, von Uhrzeiten ganz zu schweigen. Trotzdem ist M.s Ehrgeiz, alle Wege in Havanna mit Öffis zu fahren, zwar stressig aber fast immer erfolgreich – doch nach langer vergeblicher Suche nach Verbindungsbus zur gelben Linie gaben wir nun zum ersten Mal auf und nahmen ein Taxi. Wir können es uns aussuchen, für die Bevölkerung ist es tagtäglich sehr schlimm.

Das Büro von Viazul für Inlandfahrten ist zum zentralen Busbahnhof am Platz der Revolution gewechselt. Eine Fahrkarte nach Santa Clara zu kaufen verschieben wir erstmal, die Menschenmengen bei Viazul und schleppendstes Vorankommen versprechen mehrstündige Wartezeit.

„Nieder mit der Tyrannei“ ist das Wandgemälde betitelt. Doch Ersticken in Formalitäten und ewiges Warten auf etwas so Selbstverständliches wie eine Inlandfahrkarte hat selbst tyrannische Züge.

Auffallend prächtige Bauten irgendwo beim Univiertel.

Lost and Found

„Der Mann hat ein Jacket an und ein buntes Hemd“, sagt der KLM-Mitarbeiter am Flughafen Havanna ins Telefon und dann zu M. „Nicht das Hemd wechseln!“ – „Kann ich ja gar nicht“, antwortet der prompt. Er grinst und schickt uns wieder in die Lost and Found-Baracke.
Am Vortag war unser Gepäck nicht mitgekommen. Nach dem ersten Schock eigentlich ganz praktisch, man muss sich keine Gedanken um Klamotten machen und zieht einfach das meiste aus während des Tages, statt diverser Cremes nimmt man den Lippenfettstift fürs Gesicht, wichtige Tabletten sind zum Glück im Handgepäck – nur die Zähne hätte man sich gern geputzt.
Das Gepäck soll mit dem Flieger am nächsten Tag nachkommen. Also machen wir uns rechtzeitig auf den Weg, mit öffentlichen Verkehrsmitteln von Vibora zum Aeropuerto, genaue Umsteigeorte, Tipps und Tricks der Hotelrezeptionistin dabei. Ein Kubaner, den wir beim Umsteigen nach dem richtigen Bus fragen, lotst uns so geschickt hinein, dass wir noch prima Sitzplätze finden. Quer durch Havanna geht die laute Rumpelfahrt, dann bleibt der Bus leider irgendwann stehen und ist kaputt, die Passagiere quellen heraus. Der hilfsbereite Kubaner ist weiterhin an unserer Seite, winkt uns, ihm zu folgen, versucht vergeblich diverse Fahrzeuge zu stoppen, deren Fahrer reagieren mit Handzeichen, die wohl bedeuten sollen, sie sind voll besetzt, und tatsächlich sind das fast alle Autos hier. Schließlich wird die Zeit knapp, die Dunkelheit kündigt sich an, das geht sehr schnell hier. Und ein offizielles Taxi ist bereit, uns für zwanzig CUC mitzunehmen, offizieller Touripreis, das sind wir ja auch und steigen ein mitsamt dem Hilfsbereiten und noch jemand, irgendwann auf dem Weg werden sie rausgelassen. Der Fahrer sieht aus wie ein alter Indianer, stoisch und stumm rumpelt er durch die Dunkelheit, und wenn er Gas geben kann, wird die Radiomusik lauter. Gerade noch rechtzeitig vor 19 Uhr erreichen wir den Flughafen.

Hier darf nicht jeder rein.

Vor der voll vergitterten Lost and Found Baracke stehen schon einige Gestalten. Eine junge schicke Mitarbeiterin teilt uns durch den Zaun gleichgültig ohne Angabe von Gründen mit, wir müssten noch mindestens eine Stunde warten. M.s aggressiver Urnerv schwillt an, wir eilen ins Flughafengebäude zum KLM-Office, das war gestern closed, aber jetzt treffen wir auf einen Mitarbeiter, der will uns erst wieder zu Lost and Found schicken, bequemt sich aber nach M.s Ausbruch, ob das Gepäck überhaupt angekommen sei, doch zu einen Anruf, jawohl, es ist da, jemand käme zu Lost and Found, um dem Mann im colorful shirt eine Bestätigung zu geben (was dann ein leerer Umschlag mit vermutlich einer Geheimzahlenkombination ist).

Der Vorhof zum Kofferglück.

Schließlich dürfen wir nach eingehender Pass- und Gepäckscheinkontrolle schon mal in das eingezäunte Gehege. Es erscheint mir wie der Vorhof zum Kofferglück. Ein schlaksiger schwarzer Mitarbeiter erklärt den Wartenden wichtig etwas auf Spanisch und greift sich zum Abschluss unbewusst in den Schritt. Und dann endlich darf man einzeln das Büro betreten, Handy muss auf Flugmodus, der Körper wird abgepiept, aus einem kleinen Haufen Koffer suche ich unsere heraus, denke, jetzt aber tschüss… aber nein, Ausfüllen von Formularen, ein goldener Fingernagel zeigt, wo die Passnummer hingeschrieben werden muss, bien bien…
Endlich kann ich bei verlorenem Gepäck mitreden. Und am meisten in Erinnerung bleiben wird mir die hilfsbereite Art des Kubaners.

Betonschachteln in Landwirtschaft

Der Stadtteil Alamar liegt im östlichsten Teil Havannas am Meer und gilt als Betonwüste, was er bis zur Spezialperiode vielleicht auch war. Jetzt ist er durchzogen von immer grösser werdenden Organoponicos, also Stadtgärten, in denen Gemüse, Heil- und Zierpflanzen nach ökologischen Kriterien angebaut werden. Weil nach dem Zusammenbruch der UdSSR wegen Blockade kaum noch etwas nach Kuba gelangte, besann man sich auf eigene Ressourcen. Aus echter Not wurde nach westlichen ökolandwirtschaftlichen Gesichtspunkten ein grosser Fortschritt. Darüber gibt es diverse Publikationen, z.B. „Lebendige Gärten – urbane Landwirtschaft in Havanna/Kuba zwischen Eigenmacht und angeleiteter Selbstversorgung“, eine gut lesbare Diplomarbeit von Daniela Kälber.

Der erste Eindruck ist trübe. Doch er trügt.

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Regla

Um 5 Uhr früh steht nochmal ein komplettes Frühstück in Baracoa auf dem Tisch, ich kann tatsächlich schon erstaunlich viel essen, Kaffee, die obligaten zwei Spiegeleier und den ganzen Fruchtteller. Unkomplizierter Rückflug nach Havanna mit Cubana.

Dachterrassenblick der Unterkunft in Havanna. Hinten die ewige Flamme der Ölindustrie von Regla.

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